Ratgeber
Lastklassen und Breitenklassen beim Gerüst
Lastklasse 3, Breitenklasse W06: So steht es auf fast jedem Fassadengerüst in Deutschland. Was die Gerüstklassen genau bedeuten, woher die Werte kommen und warum dasselbe System je nach Feldweite und Belag unterschiedliche Lastklassen erreicht.
Von Ole Emil Frikstad Urstad · So werden die Zahlen berechnet ·

Was sind die Lastklassen beim Gerüst?
DIN EN 12811-1 teilt Arbeitsgerüste in sechs Lastklassen ein, nach der gleichmäßig verteilten Verkehrslast je Gerüstfeld: 0,75, 1,5, 2,0, 3,0, 4,5 und 6,0 kN/m², also rund 75 bis 600 kg/m². Lastklasse 3 reicht für Maler- und Putzarbeiten, ab Lastklasse 4 mit mindestens W09 dürfen Baustoffe gelagert werden, etwa für Mauerarbeiten.
Welche Werte gelten für die Lastklassen 1 bis 6?
Die Gerüstklassen stammen aus DIN EN 12811-1, der Bemessungsnorm für Arbeitsgerüste. Die BG-Regelwerke geben die Werte wieder: DGUV Information 201-011, Abschnitt 6.1, nennt Flächen- und Teilflächenlasten; die vollständige Tabelle mit Einzellasten und Kilogrammwerten findet sich öffentlich zum Beispiel in § 4-2 der norwegischen Produzentenverordnung, die die Normtabelle übernimmt.
| Lastklasse | Flächenlast kN/m² (kg/m²) | Einzellast auf 500 × 500 mm, kN | Einzellast auf 200 × 200 mm, kN | Teilflächenlast kN/m² | Teilfläche |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 0,75 (75) | 1,5 | 1,0 | – | – |
| 2 | 1,50 (150) | 1,5 | 1,0 | – | – |
| 3 | 2,00 (200) | 1,5 | 1,0 | – | – |
| 4 | 3,00 (300) | 3,0 | 1,0 | 5,0 | 0,4 A |
| 5 | 4,50 (450) | 3,0 | 1,0 | 7,5 | 0,4 A |
| 6 | 6,00 (600) | 3,0 | 1,0 | 10,0 | 0,5 A |
In DIN EN 12811-1 ist das Tabelle 3 (Verkehrslasten auf Gerüstlagen). A ist die Fläche zwischen zwei Ständerpaaren, also ein Gerüstfeld. Die Teilflächenlast erlaubt in den Lastklassen 4 bis 6 einen schwereren Stapel auf einem Teil des Feldes, wenn der Rest entsprechend weniger trägt.
Lastklasse ist nicht gleich Flächenlast
Ein Belag muss alle vier Lastfälle erfüllen. Gerade schmale Stahlböden mit 0,32 m Breite werden oft von der Einzellast bemessen: 1,5 kN auf 50 × 50 cm in Lastklasse 3, unabhängig davon, wie wenig Fläche der Boden hat.
Früher sprach man von Gerüstgruppen nach DIN 4420; laut Baunetz Wissen waren Arbeitsgerüste in sechs Gerüstgruppen eingeteilt; die alte Kennzeichnung gilt heute als nicht mehr normgerecht. Wer ein Gerüst nach Gerüstgruppe bestellt, sollte im Angebot die Lastklasse nach DIN EN 12811-1 nennen lassen.
Welche Arbeiten sind in welcher Lastklasse erlaubt?
DGUV Information 201-011, Abschnitt 6.1.2, ordnet die Klassen Tätigkeiten zu:
- Lastklasse 1: nur Inspektionstätigkeiten wie Ablesen, Begutachten, Funktionskontrollen.
- Lastklasse 2: nur Arbeiten, die kein Lagern von Baustoffen und Bauteilen erfordern.
- Lastklasse 3: nur, solange Personen und Material zusammen 2,0 kN/m² nicht überschreiten. Beispiel: Lastklasse 3 mit W06 für Putz-, Dachdecker-, Maler- und Fassadenbekleidungsarbeiten.
- Lastklassen 4 bis 6: Arbeiten, bei denen Material abgesetzt oder gelagert wird, dann mit mindestens Breitenklasse W09. Beispiel: Lastklasse 4 mit W09 für Mauer-, Bewehrungs-, Fliesen- und Natursteinarbeiten sowie Montagearbeiten.
Dazu drei Rechenregeln aus demselben Abschnitt: Jede Person zählt mit 1 kN, mit Hebezeugen abgesetzte Lasten werden mit 1,2 multipliziert, und Schutzgerüste brauchen mindestens Lastklasse 2.

Was bedeuten Breitenklassen und Höhenklassen?
| Breitenklasse | Breite w der Gerüstlage |
|---|---|
| W06 | 0,6 bis unter 0,9 m |
| W09 | 0,9 bis unter 1,2 m |
| W12 | 1,2 bis unter 1,5 m |
| W15 | 1,5 bis unter 1,8 m |
| W18 | 1,8 bis unter 2,1 m |
| W21 | 2,1 bis unter 2,4 m |
| W24 | ab 2,4 m |
Die Breite zählt einschließlich Bordbrett, das laut Baunetz Wissen mit höchstens 30 mm angesetzt werden darf. Bei der lichten Höhe unterscheidet die Norm in Tabelle 2 zwei Klassen (Tabelle 1 enthält die Breitenklassen): Beträgt die lichte Durchgangshöhe im Bereich des Stellrahmens weniger als 1,90 m, ist es H1, bei 1,90 m oder mehr H2. Zwischen den Gerüstlagen fordert DGUV 201-011 in jedem Fall mindestens 1,90 m. Da in Deutschland üblicherweise Systemgerüste eingesetzt werden, kommt laut Baunetz Wissen im Regelfall nur H1 zur Anwendung.
Warum erreicht dasselbe System verschiedene Lastklassen?
Weil die Lastklasse an der Konfiguration hängt: Feldweite, Belagtyp und Zahl der belasteten Lagen. Die allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassungen des DIBt legen das genau fest.
Die Zulassung Z-8.1-16.2 für das Layher Blitz Gerüst 70 Stahl vom 2. Januar 2025 (gültig bis 4. Januar 2030, erstmals zugelassen am 30. März 1973) ordnet in Tabelle 6 die Beläge den Lastklassen zu:
| Belag 0,32 m | Feldweite 1,57 m | 2,07 m | 2,57 m | 3,07 m |
|---|---|---|---|---|
| U-Stahlboden | – | LK 6 | LK 5 | LK 4 |
| U-Alu-Boden | LK 6 | LK 5 | LK 4 | LK 3 |
| U-Vollholz-Boden | LK 5 | LK 4 | LK 3 | LK 3 |
Entscheidend ist Abschnitt 3.1.2 derselben Zulassung: Die Regelausführung gilt für Fassadengerüste bis 24 m über Gelände, Systembreite 0,732 m und Feldweiten bis 3,07 m für Arbeitsgerüste der Lastklasse 3. Ein Stahlboden in Lastklasse 4 macht das Gerüst also nicht zum LK-4-Gerüst. Wer mehr will, braucht nach Abschnitt 3.1.3 einen Standsicherheitsnachweis im Einzelfall oder eine statische Typenberechnung.
Bei PERI zeigt der Ergänzungsbescheid zu Z-8.1-957 (PERI UP Easy) vom 12. Mai 2025 dasselbe Muster für den Stahlbelag EDS 33 in modularer Bauweise: bei 3,0 m Feldweite bis Lastklasse 4, bei 2,5 m bis Lastklasse 5, ab 2,0 m und kürzer bis Lastklasse 6.
Was bedeutet «Lastklasse 3 / W06» an der Gerüstkennzeichnung?
TRBS 2121 Teil 1, Nr. 4.2.9, verlangt: Jedes Gerüst ist zu kennzeichnen, sinnvollerweise am Zugang, und die Kennzeichnung ist Bestandteil der Prüfung. Sie nennt Name, Anschrift und Telefonnummer des Gerüsterstellers, Gerüstbauart, Last- und Breitenklasse, Nutzungsbeschränkungen, Warnhinweise und das Datum der letzten Prüfung. Nach Nr. 4.1.2 gehören Last- und Breitenklassen auch in die Montageanweisung (Plan für Auf-, Um- und Abbau). Wie TRBS 2121, BetrSichV und die DGUV-Regeln zusammenspielen, fasst der Ratgeber zu den Gerüst-Vorschriften zusammen.
«Lastklasse 3 / W06» heißt: 2,0 kN/m² je Gerüstfeld, verteilt auf dessen Lagen, bei 0,6 bis 0,9 m Belagbreite. DGUV 201-011 stellt klar, dass die Summe der Flächenlasten aller Beläge eines Gerüstfeldes den Tabellenwert nicht überschreiten darf.
Auf den Bauteilen und in Zulassungen steht die längere Bezeichnung nach DIN EN 12810-1. Baunetz Wissen zerlegt das Beispiel «Gerüst EN 12810 – 4 D – SW09/250 – H1 – B – LS»: Lastklasse 4, Belag mit Fallversuch (D), Systembreite W09 bei 2,50 m Feldlänge, Höhenklasse H1, bekleidbar (B), Zugang über Leiter und Treppe (LS).
Welche Fehler passieren mit Lastklassen am häufigsten?
- Den LK-4-Boden für ein LK-4-Gerüst halten. Die Regelausführung nach Abschnitt 3.1.2 der Zulassung Z-8.1-16.2 ist Lastklasse 3; für Mauerarbeiten in LK 4 oder 5 braucht es nach Abschnitt 3.1.3 einen Nachweis, meist mit kürzeren Feldern.
- Kennzeichnung nicht anpassen, wenn nach dem Maler der Maurer kommt. TRBS 2121-1 Nr. 4.2.9 verlangt Last- und Breitenklasse am Zugang, und die Kennzeichnung ist Teil der Prüfung.
- Nach Gerüstgruppe bestellen. Die alte Einteilung nach DIN 4420 ist nicht mehr normgerecht; im Angebot muss die Lastklasse nach DIN EN 12811-1 stehen.
- Kranlasten ohne Faktor 1,2 rechnen, den DGUV 201-011 Abschnitt 6.1.2 für mit Hebezeugen abgesetzte Lasten vorgibt.
Für die Prüfung vor Ort gibt es die Checkliste für die Gerüstprüfung. ScaFix legt die Feldlängen an, die das gewählte Gerüstsystem anbietet, sodass kürzere Felder für Mauerarbeiten sofort in Modell und Stückliste sichtbar werden, vergibt oder bestätigt aber keine Lastklasse; was geprüft wird, steht unter Methodik.
Dies ist Planungswissen, keine statische Freigabe. Welche Lastklasse ein Gerüst hat, entscheiden die allgemeine bauaufsichtliche Zulassung des DIBt, die Aufbau- und Verwendungsanleitung des Herstellers und die tatsächlich gebaute Konfiguration; außerhalb der Regelausführung braucht es einen Standsicherheitsnachweis. Nach TRBS 2121 Teil 1 Nr. 4.2.9 gehören Last- und Breitenklasse in die Kennzeichnung, und eine zur Prüfung befähigte Person muss das Gerüst vor der Nutzung prüfen.
Häufige Fragen
Wie viel darf ein Gerüst der Lastklasse 3 tragen?
2,0 kN/m², also rund 200 kg je Quadratmeter, verteilt auf die Beläge eines Gerüstfeldes, dazu Einzellasten von 1,5 kN auf 50 × 50 cm. Personen zählen mit je 1 kN.
Welche Lastklasse brauche ich für Mauerarbeiten?
DGUV 201-011 nennt Lastklasse 4 mit Breitenklasse W09 als Beispiel für Mauerarbeiten. Schwere Steine oder Paletten können Lastklasse 5 oder 6 und damit kürzere Felder erfordern.
Was sind Gerüstgruppen?
Gerüstgruppen sind die alte Einteilung nach DIN 4420 in sechs Gruppen. Heute gelten die Lastklassen nach DIN EN 12811-1; die alte Kennzeichnung ist laut Baunetz Wissen nicht mehr normgerecht.
Muss die Lastklasse am Gerüst stehen?
Ja. TRBS 2121-1 Nr. 4.2.9 verlangt eine Kennzeichnung mit Last- und Breitenklasse, Ersteller, Gerüstbauart, Beschränkungen und Datum der letzten Prüfung.
Kann ein Gerüst nachträglich auf Lastklasse 4 umgebaut werden?
Nur wenn Zulassung oder Einzelnachweis das abdecken, etwa mit kürzeren Feldern, stärkeren Belägen oder zusätzlicher Verankerung. Danach ist eine neue Prüfung und Kennzeichnung nötig.
Quellen
Die Primärquellen dieses Artikels, jeweils mit dem Datum, an dem sie gelesen wurden.
- DGUV Information 201-011, Abschnitt 6 Technisches Wissen (Breiten- und Lastklassen) (gelesen am 23. Oktober 2026)
- TRBS 2121 Teil 1, Abschnitt 4 Schutzmaßnahmen (gelesen am 23. Oktober 2026)
- DIBt Z-8.1-16.2: Layher Blitz Gerüst 70 Stahl (Bescheid vom 2. Januar 2025) (gelesen am 23. Oktober 2026)
- DIBt Z-8.1-957: PERI UP Easy (Ergänzungsbescheid vom 12. Mai 2025) (gelesen am 23. Oktober 2026)
- Baunetz Wissen: Gerüstklassen (gelesen am 23. Oktober 2026)
- Baunetz Wissen: Gerüstbezeichnung nach DIN (gelesen am 23. Oktober 2026)
- Arbeidstilsynet: Producer Responsibility Regulations, section 4-2 (load classes) (gelesen am 23. Oktober 2026)