Geschichte
Die Geschichte des Gerüstbaus
Gerüste sind so alt wie das Bauen in die Höhe, doch das Systemgerüst an deutschen Fassaden ist kaum sechzig Jahre alt. Hier ist die Geschichte, mit Jahreszahlen aus Herstellerchroniken, Zulassungen und Normenarchiven.
Von Ole Emil Frikstad Urstad · So werden die Zahlen berechnet ·

Seit wann gibt es das moderne Stahlgerüst?
Das Stahlrohrgerüst entstand in England: Daniel Palmer-Jones gründete 1905 die Tubular Scaffolding Company, deren Kupplungen Scaffixer (1909) und Universal Coupler (1918) das Seil ersetzten. In Deutschland prägten danach Rahmengerüste wie Hünnebeck BOSTA 70 (zugelassen 1971.pdf)) und das Layher-Modulgerüst Allround (1974) den Gerüstbau.
Wie alt sind Gerüste?
So alt wie der Wunsch, über Kopfhöhe zu arbeiten, doch die ältesten Belege sind dünner, als oft behauptet wird. In der Höhle von Lascaux sind manche Figuren dort gemalt, wo Wand und Decke zusammentreffen, 2,5 bis 3,5 m über dem Boden. Das französische Kulturministerium berichtet auf seiner Lascaux-Seite, dass André Glory, der die Höhle von 1952 bis 1963 untersuchte, in der Axialgalerie versinterte Auflager ineinandergreifender Balken gefunden haben wollte, mit denen der große schwarze Stier gemalt worden sei (Kulturministerium: Zugang zu den Wänden). Spätere Forscher übertrugen die Beobachtung auf die ganze Galerie, allerdings mit Vorbehalten. Das Fazit des Ministeriums ist vorsichtig: Für einzelne Bilder wurden Gerüste verwendet, verallgemeinern lässt sich das nicht, und Gerüste oder Stangen sind nur in wenigen Fällen nicht auszuschließen.
Auch die Datierung bleibt eine Spanne. Die Datierungsseite des Ministeriums nennt Radiokarbonwerte von 15 500 Jahren vor heute (Holzkohle, 1951 untersucht) bis 18 600 bis 18 900 Jahren vor heute (ein Rentiergeweih, 1998 und 2002 untersucht).
Das erste klare Bild eines gerüstartigen Holzgestells befindet sich heute in Berlin. Die Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin bewahrt die attisch-rotfigurige Trinkschale, die sogenannte Erzgießerei-Schale (Inventar F 2294), und datiert sie auf 500 bis 475 v. Chr. (Objektdatenbank). Die Außenseiten zeigen eine Bronzegießerei; auf einer Seite steht eine überlebensgroße Kriegerstatue in einem großen Holzrahmen, während zwei Arbeiter sie mit Schabeisen glätten. Das Museum spricht von einem Rahmen, nicht von einem Gerüst, doch die Aufgabe ist dieselbe: Er hält die Handwerker auf Arbeitshöhe.
Was sind Rüstlöcher?
An Burgen und mittelalterlichen Kirchtürmen sieht man oft ein Raster kleiner, quadratischer Löcher. Das sind Rüstlöcher: In ihnen steckten die Enden der Netzriegel, kurzer Holzbalken, deren anderes Ende auf einem Längsholz an senkrechten Stangen lag. Darauf kamen die Bohlen. Das Museum voor de Oudere Technieken (MOT) im belgischen Grimbergen beschreibt auf seiner Seite über Holzgerüste, dass die Löcher schon beim Mauern angelegt und danach meist gegen eindringendes Wasser geschlossen wurden. Manche Bauten zeigen sie bis heute offen in der Fassade, und bei Restaurierungen werden sie mitunter wieder genutzt. Bei mittelalterlichen Bauten wuchs das Gerüst so mit der Mauer nach oben, Lage für Lage.

Wie sahen Stangengerüste aus?
Über Jahrhunderte bestand ein Gerüst aus Holzstangen, die mit Seilen, später mit Ketten und Bindedraht verbunden wurden. Laut MOT band man die Teile vor allem mit Seil, weil es sich wiederverwenden ließ und billiger war als Nägel; in der Region des Museums bestanden die Ständer bis etwa 1950 aus Rundholz, danach setzte sich Metall durch. Das Prinzip ist im heutigen Vokabular noch zu erkennen: Ständer, Riegel, Belag und Gerüstlage beschreiben dieselben Funktionen wie damals, nur aus Stahl und Aluminium.
In Asien blieb der Bambus. In Hongkong ist er an Hochhausfassaden bis heute Alltag; seit März 2025 sollen dort laut Development Bureau mindestens die Hälfte neuer öffentlicher Bauaufträge mit Metallgerüsten ausgeführt werden (Scaffmag).
Wann kamen Stahlrohr und Kupplung?
Der Schritt vom Seil zur Stahlkupplung geschah in England. Die Chronik von SGBs Nachfolger BrandSafway nennt:
- 1905: Daniel Palmer-Jones gründet die Tubular Scaffolding Company.
- 1909: die Kupplung Scaffixer ersetzt Seilverbindungen.
- 1918: der Universal Coupler, mit dem der Übergang von Holz und Seil zu Stahlrohr und Kupplung begann.
- 1919: das Unternehmen heißt nun Scaffolding Great Britain, SGB.
- 1944: SGB bringt sein erstes Rahmensystem auf den Markt.
Das Stahlrohr-Kupplungsgerüst ist bis heute die flexibelste Bauart. In Deutschland ist seine Regelausführung in DIN 4420-3 beschrieben; die BG BAU nennt es neben den Systemgerüsten mit Zulassung als zweite Form des Fassadengerüsts (Baustein B 113).
Wie entstand das deutsche Systemgerüst?
In Deutschland entstanden die Rahmen- und Systemgerüste von Layher, Hünnebeck, plettac und PERI. Die Jahreszahlen stammen aus den Herstellerchroniken und den Zulassungen des Deutschen Instituts für Bautechnik (DIBt):
- Layher (1945). Wilhelm Layher gründete das Unternehmen 1945 in Güglingen-Eibensbach. Laut Layher-Chronik kamen 1957 Stahl und Aluminium hinzu, 1965 das Rahmengerüst Speedyscaf und 1974 das Allround-Gerüst mit Keilkopfverbindung, das Rohr und Kupplung bei komplexen Gerüsten ablöste.
- Hünnebeck BOSTA 70 (1971). Laut DIBt-Zulassung Z-8.1-54.2.pdf) wurde der Gegenstand erstmals am 25. Februar 1971 allgemein bauaufsichtlich zugelassen, als Rahmengerüst mit 0,74 m Systembreite.
- Plettac SL 100 (1986). Die Zulassung Z-8.1-171.pdf) für das Fassadengerüst plettac SL 100 wurde erstmals am 17. November 1986 erteilt; Inhaber ist heute die ALTRAD plettac assco GmbH in Plettenberg.
- PERI UP (1995 bis 1998). PERI wurde 1969 in Weißenhorn als Schalungshersteller gegründet. Laut PERI-Chronik stieg das Unternehmen im Zeitraum 1995 bis 1998 mit dem Gerüstsystem PERI UP in den Gerüstmarkt ein.
Die Zulassung ist eine deutsche Besonderheit: Ein Systemgerüst gilt als Regelausführung, wenn eine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung des DIBt und die Aufbau- und Verwendungsanleitung vorliegen. Deshalb tragen Zulassungsbescheide wie die oben genannten das Datum der Erstzulassung, und deshalb lässt sich die Geschichte der Rahmengerüste an diesen Dokumenten so gut ablesen.
Wie wurde aus DIN 4420 die DIN EN 12811?
Die Normengeschichte erklärt, warum auf deutschen Baustellen zwei Normenreihen nebeneinander gelten.
- DIN 4420. Die nationale Gerüstnorm «Arbeits- und Schutzgerüste» regelte lange beides. Laut DIN Media ersetzt DIN EN 12811-1 (Ausgabe 2004-03) die DIN 4420-1:1990-12; Schutzgerüste regelt seitdem die nationale DIN 4420-1.
- HD 1000 (1988). Das europäische Harmonisierungsdokument für Gerüste aus vorgefertigten Bauteilen wurde im Dezember 2003 zurückgezogen und durch EN 12810-1 ersetzt.
- DIN EN 12810 und DIN EN 12811 (2004-03). Seit März 2004 gelten Fassadengerüste aus vorgefertigten Bauteilen nach DIN EN 12810-1/-2 und Arbeitsgerüste nach DIN EN 12811-1, mit den Last- und Breitenklassen, die heute jedes Gerüst kennzeichnen.
- DIN 4420 als Restnorm. Für Schutzgerüste blieb DIN 4420-1 (heute Ausgabe 2004-03) national, ebenso DIN 4420-3 (Ausgabe 2006-01) für ausgewählte Gerüstbauarten. Baunetz Wissen bezeichnet sie als nationale Restnormen.
Daneben steht das Regelwerk der Unfallversicherung. Die DGUV Information 201-011 «Verwendung von Arbeits-, Schutz- und Montagegerüsten» trägt laut DGUV-Publikationsdatenbank das Ausgabedatum Januar 2023 und die bisherige Nummer BGI/GUV-I 663. Das Dokument selbst beschreibt sich als überarbeitete Version der «Handlungsanleitung für den Umgang mit Arbeits- und Schutzgerüsten» (Stand Juli 2011), angepasst unter anderem an die Betriebssicherheitsverordnung und ihre technischen Regeln.
Zeitleiste der Gerüstgeschichte
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 15 500 bis 18 900 Jahre vor heute (Radiokarbon) | Lascaux; Balkenauflager in der Axialgalerie berichtet |
| 500 bis 475 v. Chr. | Erzgießerei-Schale zeigt eine Statue im Holzrahmen |
| Mittelalter | Holzgerüste auf Netzriegeln in Rüstlöchern |
| 1905 | Tubular Scaffolding Company in England |
| 1909 | Kupplung Scaffixer |
| 1918 | Universal Coupler |
| 1919 | Scaffolding Great Britain (SGB) |
| 1944 | erstes Rahmensystem von SGB |
| 1945 | Gründung von Layher |
| 1965 | Layher Speedyscaf |
| 1969 | Gründung von PERI in Weißenhorn |
| 1971 | Erstzulassung Hünnebeck BOSTA 70 |
| 1974 | Layher Allround |
| 1976 | SGB Cuplok |
| 1986 | Erstzulassung plettac SL 100 |
| 1988 | HD 1000 |
| 1990 | DIN 4420-1 Ausgabe 1990-12 |
| 1995 bis 1998 | PERI UP |
| 2004 | DIN EN 12810 und DIN EN 12811-1 (Ausgabe 2004-03) |
| 2023 | DGUV Information 201-011, Ausgabe Januar 2023 |
Vom Zeichenbrett zum digitalen Gerüstmodell
Lange wurde ein Gerüst mit Bleistift geplant: Ansicht skizzieren, Felder zählen, Materialliste aus dem Kopf schreiben. Die Hersteller digitalisierten zuerst ihre eigenen Systeme, etwa mit der LayPLAN-Suite von Layher, die Strukturmodelle an Stabwerksprogramme übergibt. Heute gibt es vom AutoCAD-Aufsatz bis zum Browserwerkzeug mit Statikmodul alles; einen Überblick gibt der Artikel Was macht eine Gerüstbau-Software?.
Die Methode dahinter ist seit den Rüstlöchern gleich: Wand aufmessen, in Felder teilen, Lagen bis zur Arbeitshöhe stapeln, verankern, Seitenschutz anbringen. ScaFix bildet diese alte Reihenfolge am Bildschirm nach, von der Wandlänge über Felder und Lagen bis zur Materialliste für ein gewähltes System, als Planungshilfe und nicht als Standsicherheitsnachweis.
Die Jahreszahlen und Normen oben sind Geschichte und Planungswissen, keine Freigabe. Maßgeblich sind die Aufbau- und Verwendungsanleitung, die DIBt-Zulassung, BetrSichV und TRBS 2121 (die heute geltenden Pflichten fasst der Beitrag zu den Gerüst-Vorschriften zusammen); vor der Nutzung prüft eine zur Prüfung befähigte Person das Gerüst.
Häufige Fragen
Wer hat das Gerüst erfunden?
Niemand allein: Gerüste aus Stangen und Seilen gibt es seit Jahrtausenden. Das Stahlrohr-Kupplungsgerüst geht auf Daniel Palmer-Jones und seine Firmen in England zwischen 1905 und 1919 zurück.
Seit wann gibt es Layher?
Wilhelm Layher gründete das Unternehmen laut Layher-Chronik 1945 in Güglingen-Eibensbach; das Rahmengerüst Speedyscaf kam 1965, das Allround-Gerüst 1974.
Was hat DIN 4420 mit DIN EN 12811 zu tun?
DIN EN 12811-1 ersetzte laut DIN Media 2004 die DIN 4420-1 von 1990 für Arbeitsgerüste. Für Schutzgerüste und ausgewählte Bauarten gelten die Teile 1 und 3 der DIN 4420 als nationale Restnormen weiter.
Warum steht auf Zulassungen ein Erstzulassungsdatum?
Systemgerüste brauchen in Deutschland eine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung des DIBt; der Bescheid nennt, wann der Gegenstand erstmals zugelassen wurde, etwa 1971 für BOSTA 70.pdf) und 1986 für plettac SL 100.pdf).
Wann kam PERI UP auf den Markt?
PERI nennt in seiner Chronik den Zeitraum 1995 bis 1998 für den Einstieg in den Gerüstmarkt mit PERI UP; ein genaueres Jahr steht dort nicht.
Quellen
Die Primärquellen dieses Artikels, jeweils mit dem Datum, an dem sie gelesen wurden.
- Französisches Kulturministerium, Lascaux: Zugang zu den Wänden (am 23.10.2026 im Wartungsmodus; gelesen in der Kopie des Internet Archive vom 10.01.2026) (gelesen am 23. Oktober 2026)
- Französisches Kulturministerium, Lascaux: Datierung der Figuren (Kopie des Internet Archive vom 05.01.2026) (gelesen am 23. Oktober 2026)
- Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung: Erzgießerei-Schale, F 2294 (gelesen am 23. Oktober 2026)
- MOT Grimbergen: Holzgerüste (gelesen am 23. Oktober 2026)
- BrandSafway (SGB): Chronik (gelesen am 23. Oktober 2026)
- Layher: Meilensteine (gelesen am 23. Oktober 2026)
- PERI: Firmengeschichte (gelesen am 23. Oktober 2026)
- DIBt: Zulassung Z-8.1-54.2, Hünnebeck BOSTA 70.pdf) (gelesen am 23. Oktober 2026)
- DIBt: Zulassung Z-8.1-171, Fassadengerüst plettac SL 100.pdf) (gelesen am 23. Oktober 2026)
- DIN Media: DIN EN 12811-1:2004-03 (gelesen am 23. Oktober 2026)
- Baunetz Wissen: Gerüstnormen (gelesen am 23. Oktober 2026)
- Genorma: HD 1000:1988 (gelesen am 23. Oktober 2026)
- DGUV-Publikationsdatenbank: DGUV Information 201-011 (Ausgabedatum 2023.01, bisher BGI/GUV-I 663) (gelesen am 23. Oktober 2026)
- DGUV Information 201-011 (Januar 2023), PDF (gelesen am 23. Oktober 2026)
- BG BAU Baustein B 113: Fassadengerüste (gelesen am 23. Oktober 2026)
- Scaffmag: Hongkong und Bambusgerüste (März 2025) (gelesen am 23. Oktober 2026)