Zum Inhalt springen

Ratgeber

Gerüstverankerung: Gerüstanker, Raster und Ankerkräfte

Ein Fassadengerüst ist nur so standsicher wie seine Gerüsthalter und der Grund, in dem sie sitzen. Dieser Ratgeber zeigt, was DGUV und TRBS verlangen, welche Kräfte eine Zulassung tatsächlich nennt und wie die Probebelastung abläuft.

Von Ole Emil Frikstad Urstad · So werden die Zahlen berechnet ·

HAKI Universal-Gerüst mit Treppenturm um ein 16,5 m hohes Gebäude, acht Lagen hoch, im 3D-Modell von ScaFix
HAKI Universal mit Treppenturm, acht Lagen.

Wie viele Gerüstanker braucht ein Fassadengerüst?

Das Ankerraster steht in der Aufbau- und Verwendungsanleitung oder Zulassung. Beim Layher Blitz 70 (Z-8.1-16.2) sind es unbekleidet ein 8-m-versetztes oder ein 4-m-Raster; mit Planen ist das 8-m-Raster nicht vorgesehen, dann wird jeder Knoten im 2-m-Abstand verankert. Gerüstanker sitzen höchstens 30 cm vom Knoten, die Kräfte gehen in Beton oder tragendes Mauerwerk.

Wie wird ein Gerüst richtig verankert?

Lage und Kräfte der Verankerung stehen in der Aufbau- und Verwendungsanleitung, der Montageanweisung oder der statischen Berechnung. Die Gerüsthalter werden fortlaufend mit dem Aufbau zug- und druckfest in tragfähigem Beton oder Mauerwerk befestigt, nahe den Knotenpunkten, und ist die Tragfähigkeit nicht nachgewiesen, folgt eine Probebelastung mit dem 1,2-fachen der Ankerkraft. Wie das in den Aufbau eingebettet ist, zeigt der Ratgeber Gerüst aufbauen.

Die DGUV Information 201-011 (Januar 2023) regelt die Verankerung in Abschnitt 4.9. Die Verankerungskräfte und die Lage der Verankerung sind der Aufbau- und Verwendungsanleitung, der Montageanweisung oder der statischen Berechnung zu entnehmen. Verankerungen werden fortlaufend mit dem Aufbau eingebaut und fortlaufend mit dem Abbau ausgebaut. Ausdrücklich ungeeignet sind Rödeldrähte, Kabelbinder, Stricke und kraftschlüssige Einspindelungen in Laibungen.

Die TRBS 2121 Teil 1 (Ausgabe Januar 2019) verlangt in Nummer 4.1.2, dass die Montageanweisung unter anderem Bekleidungen, Verankerung und Verankerungsgrund sowie Abstützung, Abspannung oder Ballast bei freistehenden Gerüsten beschreibt. Der BG-BAU-Baustein B 113 ergänzt einen Punkt, der beim Aufbau oft vergessen wird: Schon das erste Gerüstfeld ist gegen Umkippen zu sichern. Kann das Ankerraster der Anleitung nicht eingehalten werden oder fehlt ein geeigneter Verankerungsgrund, gehören die Ersatzmaßnahmen in die Montageanweisung. Ballast darf dann nur aus festem Material bestehen, etwa Beton- oder Stahlgewichten, nicht aus Flüssigkeiten oder Schüttgut in Behältern.

Was ein Gerüsthalter ist, erklärt das Glossar; wo das Ankerraster in der Gesamtplanung steht, zeigt der Ratgeber Fassadengerüst planen.

Welcher Verankerungsgrund ist tragfähig?

Nach DGUV 201-011, Abschnitt 4.9.1, müssen die Kräfte über Gerüsthalter und Befestigungsmittel in einen ausreichend tragfähigen Verankerungsgrund geleitet werden.

TragfähigNicht tragfähig
Stahlbetondecken, -wände und -stützen nach DIN EN 1992Schneefanggitter
Tragendes Mauerwerk nach DIN EN 1996Blitzableiter
Fallrohre
Fensterrahmen

Die Tragfähigkeit des Befestigungsmittels, also Dübel und Schraube, wird auf einem von drei Wegen nachgewiesen: über eine Bauartzulassung des DIBt, eine statische Berechnung oder Probebelastungen. Darauf verzichtet werden darf nur, wenn eine zur Prüfung befähigte Person die Tragfähigkeit nach der Regelausführung der Herstelleranleitung beurteilen kann und die erforderliche Ankerkraft rechtwinklig zur Fassade höchstens 1,5 kN beträgt, oder höchstens 6,0 kN bei Stahlbeton als Ankergrund.

Wärmedämmung und vorgehängte Fassaden

Bei vorgehängten, zweischaligen Fassaden und Wärmedämm-Verbundsystemen liegt der tragfähige Untergrund weit hinter der Oberfläche. Übliche kurze Ringösenschrauben reichen dann in der Regel nicht; nötig sind konfektionierte Sondergerüstanker, Daueranker oder Ballast und konstruktive Aussteifung mit Standsicherheitsnachweis (Abschnitt 4.9.2). Für neue Fassaden, die keine Ankerkräfte aufnehmen können, sollen Auftraggebende nach DGUV 201-011 dauerhafte Vorrichtungen wie Daueranker nach DIN 4426 vorsehen und dem Gerüstersteller die Lage mitteilen.

Nahaufnahme der Ecke, an der Längswand und Giebelwand zusammentreffen, mit HAKI Universal-Stielen, Belägen, Geländern und Bordbrettern im 3D-Modell von ScaFix
Ecke des Beispielhauses (11,4 × 5,3 m) mit einem HAKI-Fassadengerüst, modelliert in ScaFix.

Wie groß sind die Ankerkräfte in einer Zulassung?

Ein Blick in eine echte Zulassung zeigt, warum Faustregeln gefährlich sind. Das Layher Blitz Gerüst 70 Stahl wurde erstmals am 30. März 1973 bauaufsichtlich zugelassen; der aktuelle Bescheid Z-8.1-16.2.pdf) vom 2. Januar 2025 gilt bis zum 4. Januar 2030. Tabelle B.2 nennt charakteristische Ankerkräfte rechtwinklig zur Fassade, unter anderem:

KonfigurationFassadeAnkerrasterAnkerkraft rechtwinklig
Grundkonfiguration, unbekleidetteilweise offen8 m versetzt4,7 kN
Grundkonfiguration, unbekleidetgeschlossen8 m versetzt1,7 kN
Grundkonfiguration, Netzgeschlossen8 m versetzt2,9 kN
Konsolkonfiguration 2, Planeteilweise offen8 m versetzt nicht vorgesehenbis 6,2 kN

Für die Zahl der Anker entscheidet vor allem die Bekleidung. Abschnitt B.5 der Zulassung ordnet die Raster so zu:

BekleidungAnkerraster nach Z-8.1-16.2
Unbekleidet oder mit Netz8 m versetzt (Randrahmen alle 4 m) oder 4 m durchgehend, je nach Konfiguration
Plane8 m versetzt nicht vorgesehen; 2-m-Raster mit Anker an jedem Knoten

Drei Dinge fallen auf. Eine teilweise offene Fassade, etwa ein Rohbau mit Fensteröffnungen, fast verdreifacht die Kraft, weil der Wind das Gerüst auch von hinten belastet. Mit Planen ist das weite 8-m-Raster gar nicht mehr zulässig. Und die Tabellenwerte sind charakteristische Werte: Für den Nachweis der Weiterleitung ins Bauwerk sind sie mit dem Teilsicherheitsbeiwert 1,5 zu multiplizieren. Die Befestigungsmittel in der Fassade müssen mindestens für diese Kräfte ausgelegt sein.

Welche Gerüsthalter gibt es?

Die Blitz-Zulassung unterscheidet nach der Verankerungsart: Mit kurzen Gerüsthaltern und V-Ankern wird das Gerüst als EN 12810 – 3D – SW06/307 – H2 – B – LS bezeichnet, mit langen Gerüsthaltern oder Blitzankern als H1. Für Kräfte parallel zur Fassade nennt Tabelle B.2 eigene Werte für V-Anker und lange Gerüsthalter, rechtwinklig zur Fassade wirken die übrigen Halter. V-Anker dürfen nach der Zulassung nicht an den außenliegenden Rahmenzügen montiert werden. Gerüsthalter sitzen in unmittelbarer Nähe der Knoten aus Vertikalrahmen und Belag; eine Ankerebene darf höchstens 30 cm vom Knotenpunkt abweichen.

In der Wand sitzt meist eine Gerüstöse oder Ringschraube mit Dübel, an der der Halter mit einer Kupplung am Innenständer angeschlossen wird. Wie fest die Kupplungen angezogen werden, steht in der Anleitung; die Montageregel dazu nennt der Ratgeber Gerüst aufbauen.

Wie läuft eine Probebelastung ab?

Sind Probebelastungen nötig, schreibt DGUV 201-011 in Abschnitt 4.9.3 vor:

  1. Eine befähigte Person legt Anzahl und Lage der zu prüfenden Ankerpunkte fest.
  2. Die Probelast beträgt das 1,2-fache der geforderten Ankerkraft rechtwinklig zur Fassade.
  3. Geprüft werden bei Beton mindestens 10 %, bei anderen Baustoffen mindestens 30 % aller Dübel, in jedem Fall mindestens fünf.
  4. Es werden geeignete Prüfgeräte verwendet.
  5. Hält ein Befestigungsmittel nicht, ermittelt die befähigte Person die Ursache, schafft eine Ersatzbefestigung und erhöht gegebenenfalls den Prüfumfang.
  6. Die Ergebnisse werden dokumentiert und mindestens für die Standzeit des Gerüsts aufbewahrt; als Vorlage dient das Verankerungsprotokoll in Anhang 7.2.

Bei Mauerwerk mit unbekannter Festigkeit ist die 30-%-Regel der Normalfall, nicht die Ausnahme. Planen Sie die Prüfzeit deshalb in den Aufbau ein.

Was ändert sich, wenn Netze oder Planen angebracht werden?

Bekleidung vergrößert die Windangriffsfläche, und die Zulassung behandelt sie als eigene Konfiguration mit eigenem Raster. Die TRBS 2121-1 zieht daraus in Nummer 4.3.4 eine Pflicht für den Gerüstnutzer: Er muss seine Beschäftigten anweisen, augenfällige Veränderungen zu melden, und nennt ausdrücklich den nicht bestimmungsgemäßen Ausbau von Verankerungen sowie den Anbau von Aufzügen, Schuttrutschen, Netzen oder Planen. Was ein Aufzug für die Verankerung bedeutet, beschreibt der Ratgeber Bauaufzug am Gerüst. Auf-, Um- und Abbau sind grundsätzlich Sache des Gerüsterstellers. Wer nachträglich Planen anbringt, ohne das Ankerraster anpassen zu lassen, verändert also die Standsicherheit auf eigene Rechnung.

Nach dem Anbringen ist eine erneute Prüfung fällig; die Checkliste für die Gerüstprüfung zeigt, wann und wie. Auch die Lastklasse gehört zur Bekleidungsfrage, denn Konsolen und Schutzwände verändern die Ankerkräfte zusätzlich.

ScaFix setzt die Gerüsthalter in Modell und Materialliste nach dem gewählten System, sodass die Anzahl vor dem Aufbau mit der Anleitung abgeglichen werden kann.

Diese Angaben dienen der Planung und ersetzen keinen Standsicherheitsnachweis. Ankerraster und Ankerkräfte ergeben sich aus der Aufbau- und Verwendungsanleitung, der Zulassung oder einer statischen Berechnung; maßgeblich sind DGUV Information 201-011, TRBS 2121-1 und die Montageanweisung. Das Gerüst muss vor der Benutzung von einer zur Prüfung befähigten Person geprüft werden.

Häufige Fragen

Wie viele Gerüstanker braucht ein Fassadengerüst?

Das legt die Aufbau- und Verwendungsanleitung oder die Zulassung fest, je nach Bekleidung und Fassade. Unbekleidet sind 8-m-versetzte oder 4-m-Raster üblich, mit Planen meist jeder Knoten im 2-m-Abstand.

Darf man ein Gerüst an Fallrohren oder Fensterrahmen befestigen?

Nein. DGUV 201-011 nennt Fallrohre, Fensterrahmen, Blitzableiter und Schneefanggitter ausdrücklich als nicht tragfähigen Verankerungsgrund.

Wann ist eine Probebelastung der Gerüstanker nötig?

Wenn die Tragfähigkeit der Dübel weder über eine DIBt-Zulassung noch über eine Berechnung nachgewiesen ist und die Verzichtsgrenzen von 1,5 kN, bei Stahlbeton 6,0 kN, überschritten werden.

Wie wird ein Gerüst an einer WDVS-Fassade verankert?

Mit Sondergerüstankern, die durch die Dämmung in den tragfähigen Untergrund reichen, mit Dauerankern nach DIN 4426 oder mit Ballast und Aussteifung nach Standsicherheitsnachweis.

Dürfen Handwerker Gerüsthalter selbst lösen?

Nein. Um- und Abbau sind Sache des Gerüsterstellers; der Gerüstnutzer muss das Lösen von Verankerungen nach TRBS 2121-1 melden lassen.

Quellen

Die Primärquellen dieses Artikels, jeweils mit dem Datum, an dem sie gelesen wurden.